Hart an der Grenze

Eine abgesprochene Nähe an der Reviergrenze vermeidet „feindliche“ Gedanken.

Grenzen und Grenzwerte bestimmen viele Bereiche unseres Lebens. Das gilt natürlich auch für die Jagd. Am ehesten geläufig ist Jägern der Begriff „Grenze“ als Trennlinie zwischen Revieren. Wechselt der Rehbock ins „Feindliche“, wie Nachbarreviere im Sprachgebrauch gern tituliert werden, ist er tabu. Ein Übergriff würde den Tatbestand der Wilderei erfüllen. Nicht überraschend, dass „Grenzgänger-Wild“ auf viele Jäger einen besonderen Reiz ausübt. Gute Beziehungen zu Nachbarjägern und regelmäßiger Gedankenaustausch sind das beste Mittel gegen hässliche Grabenkämpfe an diesen neuralgischen Punkten. Dazu gehört auch eine Wildfolgevereinbarung, denn nur anerkannte Nachsuchenführer dürfen Reviergrenzen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit überschreiten. Richtigerweise hebt im Sinne der Waidgerechtigkeit der Tierschutzgedanke in diesem Fall die Barrieren auf.

Der anerkannte Nachsuchenführer darf im Sinne des Tierschutzes Grenzen überschreiten.

Geschriebene und ungeschriebene Grenzwerte

Neben so konkreten Grenzlinien existieren auch Grenzwerte. Im Jagdgesetz gibt es festgeschriebene Anforderungen für bestimmte Formen der Jagdausübung. Aber es existieren auch ungeschriebene Grenzwerte, die eher moralischer Natur sind und deshalb auch viel Interpretationsspielraum enthalten. In den Bestimmungen des Jagdgesetzes handelt es sich vorwiegend um technische Vorgaben, wie zum Beispiel ein Mindestkaliber oder eine Mindestenergie für den Schuss auf bestimmte Wildarten, die Schlagkraft einer Raubwildfalle oder die Festlegung von Mindestgrößen für Revierverpachtungen.

Hart an der Grenze – hier sollte auf jeden Fall eine Absprache mit dem Nachbar vorangegangen sein.

Grenzfall Dämmerungs- und Nachtjagd

Während diese technischen Grenzwerte eindeutig und übersichtlich sind, wird es mit den ungeschriebenen Anforderungen für eine waidgerechte Jagdausübung schon etwas schwieriger. Hier verschwimmen die Grenzen und hängen stark von Jagd- und Revierverhältnissen und den Vorstellungen der Jagdleitung ab. Zum Beispiel bei der Dämmerungs- und Nachtjagd: Kann noch verlässlich angesprochen werden? Wann ist ein Schuss bei schlechtem Licht noch zu verantworten? Nicht alle Jäger haben Eulenaugen, und die Ausrüstung der Jagenden mit Beobachtungs- und Zieloptik weist erhebliche Qualitätsunterschiede auf.

Im Ausland herrschen andere Gesetze und Sitten. Der Jäger muss entscheiden, inwieweit er sich darauf einlassen will.

Vor- und Nachteile der Nachtsichttechnik

Wärmebild und Nachtsichttechnik haben in jüngster Zeit viel Licht ins Dunkle gebracht und damit die Grenzwerte für die Jagd bei schlechten Lichtbedingungen erheblich verschoben. Vorteil: Die Bedingungen für das Ansprechen und die kontrollierte Schussabgabe sind deutlich besser geworden. Das bestätigen Schweißhundführer, die seit der Verbreitung dieser Technik deutlich weniger Nachsuchen durch diese Jagdart verzeichnen. Nachteil: Die Gefahr des übermäßigen Gebrauchs, der dann schon fast zum Missbrauch werden kann. Wer unentwegt in der Dunkelheit im Revier auf Achse ist, raubt dem Wild eines seiner wichtigsten Rückzugsbereiche, den Schutz der Nacht. Das Wild wird heimlicher und unter Umständen sogar abwandern.

Der Einsatz von Nachtsichttechnik ermöglicht die Jagd inzwischen rund um die Uhr.

Vorbilder sollten uns nicht verführen

Die eigenen Leistungsgrenzen zu kennen und zu respektieren, ist eine Tugend, die nicht alle beherrschen. Es gibt Jäger, die regelmäßig turmhohe Fasanen vom Himmel holen oder auf 100 Meter und mehr flüchtiges Schalenwild strecken. Aber das sind Ausnahmen, die nicht von jedem gedankenlos kopiert werden dürfen. Meistens haben diese Könner für ihre herausragenden Fähigkeiten ausgiebig trainiert. Auf den allseits bekannten Saujagd-Filmen eines jungen adeligen Jägers sieht es kinderleicht aus (wobei wir nicht wissen, welche Szenen weggelassen wurden), wie die Sauen purzeln. Viele nehmen fälschlicherweise an, mit der gleichen Ausrüstung dasselbe leisten zu können. Doch wer in einen Formel-1-Boliden steigt, fährt mit Sicherheit nicht so schnell wie ein Lewis Hamilton. Und die Schuhe von Usain Bolt werden unsere Laufzeiten ebenfalls nicht sofort nach oben katapultieren. Deshalb: Jäger bleib bei deinen Leisten – erkenne deine persönlichen Grenzen.

Das Unterschätzen der Entfernung führt immer wieder zu hässlichen Laufverletzungen.

Wie weit kann man hinlangen?

Um einen ähnlichen Bereich handelt es sich bei Schussentfernungen. Auch hier haben sich die Grenzen durch technische Weiterentwicklungen weit hinausgeschoben. Zielfernrohre mit starker Vergrößerung, Absehenschnellverstellung, Ballistikrechner eröffnen im wahrsten Sinne des Wortes ein weites Feld. Damit steigt die Anforderung an den Schützen, denn jeder kleine Fehler potenziert sich mit der (großen) Entfernung. Besteht nicht die Gefahr, dass es mehr Schießsport als Jagd wird? Wenn dem Nachbar auf der Drückjagd das Wild über mehr als 250 Meter vor den Sitz gelegt wird, ist auch der letzte Anstand getötet worden.

Im Gebirge sind größere Schussentfernungen häufig nicht zu vermeiden.

Das Erkennen der persönlichen Grenzen

Die hier aufgeführten Punkte sind lediglich ein Teil aus der Themenwelt der Grenzwerte. Es gibt viele Grauzonen, die unterschiedliche Interpretationen zulassen. Disziplin und Zurückhaltung bedeutet häufig Verzicht auf den Erfolg, und fällt in der emotionalen Welt der Jagd naturgemäß schwer. Gerade deshalb sollte jeder Jäger sein Tun kritisch hinterfragen. Wichtig ist, dass er klar erkennt, wo seine persönlichen Grenzen liegen. Damit erhält er sich mit Sicherheit die Freude an der Jagd und wird als anständiger Mitjäger geschätzt. Und das Wild wird davon profitieren. 

An turmhohe Fasanen sollten sich nur gut trainierte Könner wagen.

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